Gesundheit und Beratung

BiNe e.V. unterstützt die Deutsche AIDS-Hilfe (externer Link). bei der zielgruppenspezifischen Präventionsarbeit. Ein Beispiel ist der IWWIT-Aufruf im März 2010.

Beratungstelefon

BiNe e.V. unterhält ein Beratungstelefon zur Beziehungs- und Krisenberatung bisexueller Männer und Frauen. Selbstverständlich kann dieser Service auch von PartnerInnen bisexueller Menschen in Anspruch genommen werden.

Die Telefonnummer lautet:

0700 - BIBERATUNG
0700 - 2423728864

Die Kosten betragen

... aus dem Festnetz der Deutschen Telekom. Bei anderen Anschlssen siehe Kostenbersicht


Zwischen allen Stühlen

Zur Beziehungsdynamik in festen heterosexuellen Partnerschaften

Text: Jürgen Höhn, Zentrum für bisexuelle Lebensweisen - z.Bi (externer Link).

Es gibt eine Gruppe von Männern und Frauen, die mit ihren emotionalen und sexuellen Wünschen und Verhaltensweisen das gewohnte dichotome Bild der sexuellen Orientierung, die Aufspaltung in Hetero- und Homosexualität radikal in Frage stellen: die Bisexuellen. Oft verlästert oder als "entscheidungsunfähig" verurteilt, werden sie von laienhaften Ratgebern, professionellen Beraterinnen und natürlich auch von ihrem jeweiligen Partner* zur Entscheidung gedrängt (entweder/oder) und so zur Scheidung oder Trennung getrieben. Dass es zwischen den beiden Gegensatzpolen Homo- und Heterosexualität noch einen - sehr breiten - Übergangsbereich gibt, ist leider wenig bekannt und wird kaum akzeptiert. Allein die Tatsache, dass es in vielen Städten Selbsthilfegruppen "schwuler" Väter gibt, deutet darauf hin, dass das bestehende psychosoziale Beratungsangebot in diesem Bereich Defizite aufweist, weil die Dichotomie der sexuellen Orientierung nach wie vor nicht in Frage gestellt wird.

Die Erfahrungen der Berliner Beratungsstelle des Bisexuellen Netzwerks während der letzten Jahre zeigen jedoch, dass es viele Paare/Familien gibt, die trotz der Bisexualität eines der beiden Partner weiterhin zusammenhalten wollen und bereit sind, neue Partnerschaftsmodelle auszuprobieren. Ungeachtet der unterschiedlichen individuellen Ausprägungen lässt sich doch ein vereinfachtes Schema des oftmals krisenhaften Beziehungsverlaufs erkennen.

Heimlichkeiten, Lügen, Schuldgefühle

Einer der Partner aus einer Ehe, Lebensgemeinschaft oder Familie hat heimlich homosexuelle Kontakte oder zumindest Wünsche und Phantasien. Das Niederhalten dieser Wünsche und Sehnsüchte oder - bei heimlichem Ausleben - die notwendigen Lügen und Täuschungsmanöver schaffen eine gespannte Situation, in der der/die Bisexuelle sich von sich selbst und vom Partner entfremdet und distanziert fühlt. Der/die Bisexuelle erlebt sich als gefangen und unterdrückt, als unecht und unaufrichtig, und entwickelt abwechselnd Wut und Schuldgefühle, verteufelt mal sich, mal den Partner. Psychosomatische Symptome und Krankheiten, Depression, AIDS-Phobie u.v.a.m. sind mögliche Konsequenzen.

Letztendlich können die negativen Gefühle auch die vorhandene Liebe und Zuneigung überdecken. Trennungsphantasien erblühen. Das Leben "am anderen Ufer" erscheint immer verlockender, verspricht es doch die Erfüllung aller schmerzenden Sehnsüchte, ein Ende der Schuldgefühle und die Befreiung vom Joch der Partnerschaft mit der Monotonie des Alltags. Die phantasierte Wunschbeziehung erscheint viel farbenfroher als die gelebte Realbeziehung.

Der niedergehaltene Anteil der Triebenergie drängt ins Leben, wehrt sich gegen Verdrängung, Zügelung und Beladung mit Schuldgefühlen durch eine unverhältnismässige Überbetonung der homosexuellen Impulse. Dieses "blow up" der Emotionen kann die Alltagstauglichkeit des bisexuellen Menschen in dieser Phase seiner Identitätsbildung drastisch unterminieren.

Verliebtheit, Schock, Krise

Plötzlich platzt die Wahrheit in die Beziehung: Sei es durch eine aktuelle homoerotische Verliebtheit, die nicht mehr zu vertuschen ist, sei es dadurch, dass das Kartenhaus der Lügen mit bewusster Absicht oder durch eine unbewusste Taktik des Eigenboykotts zum Einsturz gebracht wird.

Die heterosexuellen Partner reagieren zumeist geschockt: Entsetzen über diese völlig neue Situation, Angst vor dem Verlassenwerden, Verzweiflung darüber, gegen eine andersgeschlechtliche Konkurrenz antreten zu müssen, und Wut über den Vertrauensmissbrauch und die jahrelangen Lügen wechseln einander ab. Je nach Temperament überwiegen Hilflosigkeit und Angst ("Ich will sie/ihn nicht verlieren") oder Eifersucht und Wut ("Ich will die Trennung, und zwar sofort!").

In einigen Fällen wird jedoch auch eine gewisse Erleichterung registriert. Der seit langem gespürte, aber undefinierbare, immer wieder verleugnete Spannungszustand ist durch den Übergang in eine - wenn auch momentan schmerzhafte - Gewissheit erlöst worden.

Die Tatsache der gegengeschlechtlichen Konkurrenz wird von den betroffenen monosexuellen Partnern entweder als Bedrohung ("Wie soll ich als Frau gegen einen Mann als Nebenbuhler ankämpfen?") oder als Erleichterung empfunden ("Wenn sie neben mir noch einen anderen Mann geliebt hätte, hätte ich viel grössere Angst gehabt, verlassen zu werden!").

Klärung, Toleranz, Entspannung

Die Krise hat ihren Höhepunkt erreicht. In der Beratungssituation wäre jetzt zu klären: Was wollen die Partner voneinander? Was verbindet sie (noch)? Was trennt sie? In der überwiegenden Zahl der Fälle, die von der Berliner Beratungsstelle des Bisexuellen Netzwerks betreut wurden und werden, will der/die Bisexuelle keine Trennung, sondern kämpft um den Erhalt der Partnerschaft. Für den monosexuellen Partner ist das - wie oben beschrieben - temperamentsabhängig. Aber bisher ist es in allen Fällen gelungen, eine vorschnelle Trennung im Schock zu verhindern.

Was können Gespräche hier noch bringen? Für den monosexuellen Angehörigen ist eine der drängendsten Fragen: "Warum tust Du mir das an?" Wenn es gelingt, die innere Not der/des Bisexuellen darzustellen und zu vermitteln, dass er/sie nicht aus Jux und Dollerei handelt, sondern von einer überwältigenden Sehnsucht getrieben wird, kann sich eventuell Toleranz, Verständnis oder Akzeptanz entwickeln.

Der Wunsch des bisexuellen Partners, in beide Richtungen zu lieben, hat nichts mit der oft bespöttelten Entscheidungsunfähigkeit zu tun, sondern ist Ausdruck einer inneren Notwendigkeit, beide Arten der Liebe und des Begehrens zu leben. Vielleicht könnte man hier auch den Begriff der Bi-Emotionalität verwenden. Das Verbot, eine dieser beiden Lieben zu leben, kann unter Umständen alte Traumatisierungen aktualisieren wie zum Beispiel ein Liebesverbot in der Kindheit des bisexuellen Menschen, der im Ehekonflikt der Eltern zur Parteinahme gezwungen oder zwischen den Konfliktparteien zerrieben wurde. Die damals verdrängte hilflose Wut könnte nun in der aktuellen Wiederholung gegen den derzeitigen Partner ausagiert werden. Die Verlustängste des monosexuellen Partners werden dann als manipulierende Taktik und Besitzanspruch erlebt und aggressiv bekämpft.

Oder umgekehrt: Die Erlaubnis, sich jetzt als Erwachsene/r nicht wieder zwischen zwei geliebten Menschen zerreissen zu müssen, kann zu einer Steigerung der Liebesgefühle bis ins Euphorische führen. Bei bisexuellen Frauen tritt unter Umständen der Wunsch nach einem (weiteren) Kind auf.

Versuch, Irrtum, Versuch

Jetzt geht es darum, die Lebenspläne der handelnden Personen miteinander abzustimmen. Welche Schnittmengen gibt es? In welchen Konstellationen ist eine Realisierung möglich? Da es für diese Beziehungen keine Hollywood-Schnittmuster gibt, können die Betroffenen nur mit viel Geduld und in Liebe versuchen, sich Lebenssituationen zu schaffen, die von allen Beteiligten als tragfähig erlebt werden. Vielleicht stabilisiert sich die alte Zweierbeziehung wieder, vielleicht wechselt der/die Bisexuelle das Ufer, vielleicht gibt es stabile Dreierkonstellationen. Das müssen die Beteiligten allein für sich herausfinden und aushandeln.

Die grösste Herausforderung liegt wahrscheinlich in der symbiolytischen Funktion der Bisexualität. Es ist offensichtlich, dass die meisten betroffenen Paare sehr symbiotisch gelebt haben, bevor die Bisexualität des einen Partners als Störfaktor offensichtlich wurde. Meist versucht der monosexuelle Partner verzweifelt den Vorkrisenzustand der Symbiose wiederherzustellen. Die Bisexualität - personifiziert in der dritten Person des Eindringlings - kann zum Hauptproblem erhoben werden, obwohl sie nur ein Symptom oder eine mitbedingende Ursache einer symbiolysierenden Krise ist.

Die Mehrzahl der betreuten Paare betonen jedoch, dass die Beziehung durch die Offenlegung der Bisexualität des einen Partners und die daraus entstandenen Gespräche an Tiefe gewonnen hat. Die Partner bemerken eine neue, intensive Nähe (d.h. den Abbau der Entfremdung voneinander), sie geniessen die neue oder wiedergewonnene Form der Kommunikation, das Aufeinandereingehen und Aufeinanderzugehen in gegenseitigem Verständnis und in Zuneigung. Sie können nicht nur ihre eigenen (alten) Verletzungen und Wunden wahrnehmen und schützen, sondern auch die (alten) Wunden des Partners. Daraus erwächst dann auch Verständnis für die Verteidigungsstrategien des Partners, die ansonsten immer wieder neue Verletzungen hervorrufen können. Es werden Projektionen zurückgenommen und Missverständnisse geklärt, so dass der reale Mensch mit seinen Licht- und Schattenseiten wahrgenommen werden kann. Diese Form der Begegnung kann ein Aufflammen der manchmal schon ganz verloren geglaubten Verliebtheit einleiten.

Das hier skizzierte 4-Schritte-Schema ist für ein heterosexuelles Paar mit homosexueller Drittperson formuliert. Natürlich gibt es auch viele Beispiele, bei denen eine heterosexuelle Liebe in eine homosexuelle Beziehung einbricht. Leider steht zu befürchten, dass in den schwul-lesbischen Beratungsstellen, die in diesen Fällen am ehesten aufgesucht werden, das Verständnis für einen heterosexuellen "Rückfall" nicht sehr ausgeprägt ist.

Jürgen Höhn
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