Wie geht Ghana mit Homo- und Bisexualität um?
Das Gesetz in Ghana bezieht sich nicht direkt auf Homosexualität oder Bisexualität. Es handelt sich um ein altes britisches Gesetz, welches Sex zwischen zwei Männern als „unnatürlich kanalisiertes Verhalten“ ansieht, und in den letzten Jahren wurden auf Basis dieses Gesetzes Homosexuelle eingesperrt und verurteilt.
Wie steht die Bevölkerung zu diesen sexuellen Präferenzen?
Viele dort sehen Sex zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern als böse und gotteslästerlich an. Die meisten Menschen haben nicht die Bildung und die Intelligenz, sich zu gesellschaftlichen Themen ihre eigene Meinung zu bilden. Der Großteil ihres Wissens und ihrer Kenntnisse entspringt dem, was die Bibel schreibt, und das wird als richtig angesehen.
Würdest du sagen, die Vorurteile entstehen durch Religiosität?
Die meisten Vorurteile entstammen religiösen Gruppen und Organisationen. Auch manche Menschenrechtsorganisationen und Menschenrechtsaktivisten tragen ihren Teil dazu bei, sexuelle Aktivität zwischen zwei einwilligenden Erwachsenen als illegal anzusehen. Sie behaupten, sie könnten die Rechte gleichgeschlechtlicher Partner nicht vertreten, während wir glauben, dass sexuelle Rechte auch Menschenrechte sind.
Für gewöhnlich ruft die Kirche zu Demonstrationen auf, wenn jemand seine Homosexualität publik macht. Ich denke, sie glauben, dass Demonstrationen gegen die sexuelle Orientierung von Personen etwas in ihrem Leben ändern würde. Dabei vergessen sie, dass Teile der Bibel, die die Homosexualität als Sünde vor Gott bezeichnen, ebenso Themen und Praktiken beinhalten, in die sie jedoch selber involviert sind.
Was sind wir für Menschen, die wir unsere Brüder richten? Okay, wenn wir uns selber richten, was spielt Gott dann für ein Spiel? Die Bibel sagt: „Lass Gott die Wahrheit sein und alle Menschen Lügner.“
Gibt es Fortschritte in der Akzeptanz von Homo- und Bisexualität?
Ich glaube, es hat sich inzwischen einiges geändert im Gegensatz zu der Zeit, als für Homosexuelle in diesem Land noch keine Unterstützung angeboten wurde. Die Vergangenheit ist voll von Tod, Krankheiten und Leiden für Homosexuelle bis hin zur Gleichgültigkeit der Bevölkerung und Regierung gegenüber der Existenz von Homosexualität.
Heutzutage gibt es Zentren im Land, die sich um die gesundheitlichen Bedürfnisse von Homos kümmern, und das „Centre for Popular Education and Human rights“ in Ghana ist einer der sichersten Orte, wohin sich Homosexuelle zurückziehen und sie medizinische Versorgung erhalten können.
Es gibt einige Gruppen und eine starke LGBTI-Bewegung [Lesbian/Gay/Bisexual/Transgender/Intersexual, d. Red.], die die Gemeinschaft von Homosexuellen im Lande bestärkt. Die Dinge ändern sich jedoch nur langsam, und es muss noch sehr viel getan werden, um die nötigen Veränderungen zu bewirken.
Wie denkt die Bevölkerung in Ghana generell über Sex?
Sex ist ein Tabu-Thema in der Gesellschaft, und daher sind auch Themen rund um Sex und Sexualität nie ein Gesprächsthema zwischen den Menschen. Sex wird als eine schlechte Sache angesehen, und niemand spricht gern darüber.
Worin liegt der Unterschied zu den umliegenden Nachbarländern?
In Afrika besitzt lediglich Südafrika ein gutes Gesetz zum Schutz von Homosexuellen und gibt ihnen sogar das Recht zu heiraten. Die meisten anderen Teile Afrikas besitzen noch das alte britische Gesetz, welches Homosexualität als illegal und unnatürlich abstempelt.
Länder, die dieses unnatürliche Gesetz nicht haben, finden durchaus andere Möglichkeiten zur Verurteilung von Homosexuellen. Es gibt auch Länder wie Nigeria, die keine Gesetze zum Schutz von Homosexuellen haben und sogar dabei sind, Gesetze zu entwickeln, um gleichgeschlechtliche Ehen ausdrücklich zu verhindern.
Wie lernen sich Bisexuelle und Homosexuelle kennen?
In Anbetracht der Ablehnung, die Homosexuelle täglich erfahren, ist es leicht, homosexuelle Männer und Frauen zu finden, die in heterosexuellen Beziehungen leben. Homos werden von Freunden, Familie und der Gesellschaft zur Heirat gedrängt oder gar gezwungen, sobald sie etwa Mitte zwanzig alt sind.
Die meisten bisexuellen Männer, die ich kennengelernt habe, haben gegen ihren persönlichen Willen geheiratet und sind unglücklich dabei. Sie halten sich nachts trotzdem in der Schwulen-Szene auf, um Männer für schnellen Sex zu finden, und flüchten dann zurück zu ihren Frauen.
Gibt es irgendwelche Clubs oder Treffpunkte für bisexuelle und homosexuelle Menschen?
Es gibt einige Clubs und Kneipen in der Homo-Szene. Das „Chester's“ und „Henry's“ sind solche Clubs, die sich beide in Accra befinden. Das „Henry's“ jedoch wurde kürzlich aufgrund von Attacken und Unterdrucksetzungen seitens der Anwohner und des Landeigentümers geschlossen. Ich denke, es ist an der Zeit, dass homosexuelle Frauen und Männer ihren eigenen Bereich brauchen, und es müsste Unterstützung seitens internationaler Gruppierungen geben, um dieses durchzusetzen. Wir sind nicht frei, bis wir alle frei sind!
Gibt es Gewalt gegen Homosexuelle?
Gewalttätigkeit ist für Homosexuelle Alltag in Ghana. Sie erfahren physische, psychische, emotionale und isolationsbedingte Gewalt, Todesdrohungen und einiges mehr. Es gab Zeiten, da wurden Homosexuelle, die an die Öffentlichkeit gingen, dazu genötigt, das Land zu verlassen. Menschen werden auf dem Weg zu Clubs angegriffen, und es gibt bisher keine Möglichkeit, Homosexuelle vor solchen Übergriffen zu schützen.
Erzähl uns mehr über dein Projekt, deine Arbeit, deine Gruppe.
Meine Gruppe versucht, das Leben von Lesben, Gays, Bisexuellen und Transsexuellen in Ghana zu verbessern. Hierzu gehören Gesundheits- und Rechtsberatung, der Austausch von Informationen sowie das Schaffen von Kontaktmöglichkeiten und Diskussionsspielräumen zu Themen, die die LGBTI-Bewegung in Ghana beschäftigen.
Wir haben in den vergangenen Jahren allein 5000 Männer und 1500 Frauen mit Informationen, Gesundheitsberatung und vielem mehr erreicht. Was wir unter anderem machen:
Wie bist du auf die Idee gekommen, dafür aktiv zu werden?
Die Idee entstand aufgrund des gesteigerten Auftretens von sexuell übertragbaren Krankheiten, dem täglichen Missbrauch der Menschenrechte von Homosexuellen und dem Fakt, dass ich ein Verfechter der Menschenrechte bin, ebenso der von anderen wie z. B. Frauen und Kindern.
Ich glaube, ich habe die Diskussion ins Rollen gebracht, und das ist es, was ich nach wie vor durch das Sichtbar- und Hörbarmachen von LGBT-Leuten tue; auch mittels Radio- und TV-Sendungen.
Aber die größte Motivation für mich war das kämpferische Lied „(Something Inside) So Strong“ von Labi Siffre, das ich jeden Tag singe.
Ebenso folge ich dem Kampf von Martin Luther King Junior und anderen, die sich für die Emanzipation der Farbigen in der Welt eingesetzt haben. Wir werden nicht frei sein, bis wir alle frei sind!
Wie hast du herausgefunden, dass du bisexuell bist?
Seit meiner Kindheit wusste ich, dass ich sowohl Frauen als auch Männer mag. Es gab Zeiten, da war ich gegen meinen Willen gezwungen, nur zu Frauen zu gehen. Ich war immer der Überzeugung, als bisexueller Mann zu 95% Männern und zu Frauen lediglich 5% zugeneigt zu sein.
Bis heute habe ich auch Gefühle für Frauen, jedoch sehe ich mich eher als schwul an, da ich mich mehr zu Männern als zu Frauen hingezogen fühle. Ich denke, wenn alle Menschen die Kraft, die Aufklärung über sexuelle Orientierung und die freie Wahlmöglichkeit hätten, gäbe es eine große Mehrheit homosexueller und bisexueller Menschen.
Ich liebe es, bisexuell zu sein, nicht weil ich gierig bin, wie einige meiner Freunde behaupten, sondern weil ich die Vielfalt liebe. Ich hoffe, ich werde eines Tages einen Mann zum Heiraten finden.
Welche Rolle spielt der Priester auf deiner Website?
Von Erzbischof Desmond Tutu aus Südafrika lasse mich stark inspirieren, da er differenzierte Ansichten über Gott hat. Er sagt, die Menschen in Südafrika leiden unter ihrer Hautfarbe, weil sie ebenso unabänderlich ist wie die sexuelle Orientierung eines Menschen.
Ich glaube, dass ich genug Schmerzen erlitten habe, um zu ändern, was ich liebe. Doch ich weiß nun einmal, was mich glücklich macht und worauf ich stehe.
Ich finde, er verdient den Nobelpreis, und alle Menschen sollten ihm nacheifern. Er ist ein Beispiel für die Welt. Rechte, Pflichten, Gleichberechtigung, Vielfalt, Respekt sollte allen zustehen und nicht nur einem bestimmten Kreis der Gesellschaft. Primär sind wir Menschen, und unsere Sexualität, unser Verhalten und unsere Weltanschauung sind nur sekundär.
Was genau machst du in deinem Projekt bzw. deiner Gruppe?
Ich bin ein Anwalt der Menschenrechte und trete aktiv für die LGBTI-Belange ein. Ich bin der Vorsitzende meiner Organisation und auch der „Gay and Lesbian Association of Ghana“ (GALAG). Ich leite die Aktivisten an.
Gibt es Erfolge?
Eine Menge. Per Internet spüren die Menschen, dass sich bei uns für die LGBTIs einiges ändert. Dass es medizinische Versorgung für uns gibt und dass eine Vereinigung, ist in Anbetracht der großen Verfolgung und Unterdrückung ein großer Fortschritt!
In dem Song, den ich erwähnt habe, heißt es: „Je höher sie die Barrieren bauen, desto größer werden wir, je schneller sie uns unsere Rechte nehmen, desto schneller holen wir sie ein. Sie können uns leugnen und sich von uns abkehren – egal was sie tun, da ist etwas Starkes in uns!“
Gibt es Gewalt gegen dich?
Es gab in der Vergangenheit viel Gewalt gegen mich, und nach wie vor versuchen manche Menschen mir zu schaden. Ich leide täglich unter der Tatsache, dass es niemanden gibt, der mich motiviert. Ich muss mich selbst motivieren und auch die anderen, die mit mir arbeiten. Manchmal habe ich einen Nervenzusammenbruch, und die Leute denken, ich bin verrückt. Doch das kommt alles durch die Arbeit und den Stress.
Ich hoffe, wir gewinnen eines Tages, und die Welt wird gut für alle Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen.
Danke, Frank, für dein Interesse an den Geschehnissen in Ghana. Ich hoffe, dieses Interview wird ein wenig zum Wandel in Ghana beitragen.
Prince Kweku MacDonald, übersetzt von Julia
PS: Schreib an princegh@hotmail.com oder gayghana@gmail.com, wenn du Interesse an Prince hast – er sucht immer noch einen liebevollen Partner.