Das ZEGG ist eine demokratisch strukturierte Lebensgemeinschaft in Belzig bei Berlin. Finanziert durch Tagungen, Workshops und Mieteinnahmen betrachtet sich das ZEGG als Zentrum für Experimentelle GesellschaftsGestaltung.
Die Gemeinschaft besteht aus ca. 90 Menschen. Zusammen leben sie auf einem Grundstück, auf dem auch die Tagungsgebäude, sowie andere Räumlichkeiten angesiedelt sind.
Politische, kulturelle und spirituelle Themen sind hier ebenso wichtig wie Kreativität, Gemeinschaft und Liebe. Durch Seminarveranstaltungen und die offizielle Internetseite ( www.zegg.de
) werden die Erkenntnisse der Bewohner des ZEGGs weitergegeben.
Der Eindruck, den man über das Medium Internet vom ZEGG gewinnt, ist zunächst verwirrend. Von vielen Seiten hagelte es in der Vergangenheit Vorwürfe. Das ZEGG sei eine „Psychogruppe“ oder gar eine „Sexsekte“. Es wurde nicht einmal vor Missbrauchsvorwürfen halt gemacht. Betrachtet man jedoch die offizielle Internetseite des ZEGGs, sieht es anders aus. Es wird von Veranstaltungen berichtet, die Lebensphilosophie erklärt, der Gedanke hinter dem Projekt aufgezeigt. Die Vorwürfe aus der Vergangenheit werden erläutert und aus der Welt geschaffen.
Das Bild, welches man vom ZEGG gewinnt, wirkt seriös, freundlich, farbenfroh und vor allem einladend.
Ein ganzer Unterpunkt der offiziellen Homepage ist der Liebe gewidmet. Dies lässt vermuten, dass die Liebe in der Gemeinschaft einen hohen Stellenwert hat. So ist dort sowohl von einem „Bewusstsein in der Liebe“, als auch von „freier Liebe“ die Rede. Dies könnte auf den ersten Blick den Anschein erwecken, als gäbe es keine Regeln, keine Grenzen und keine Moral. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall. „Dabei ist unser Fokus der Aufbau von sozialen Strukturen, in denen Frauen und Männer sich verständigen und eine Kultur der Partnerschaft aufbauen … Bewusst-Sein in der Liebe ist für uns ein wesentliches Lernfeld des Lebens …“
Mit diesem Hintergrund und der Aussage, dass Homo- bzw. Bisexualität eine Möglichkeit des Ausdrucks von Liebe seien, welche im Weiteren nicht erläutert wird, hat das Bijou zu einer bisexuellen Bewohnerin Kontakt aufgenommen. Diese berichtet über das Leben im ZEGG aus ihrer Sicht.
Die Liebe und Sexualität wird auf der Homepage extra erwähnt. Man gewinnt den Eindruck, dass beides einen hohen Stellenwert hat. Wie hoch ist dieser tatsächlich im ZEGG?
Es wird auf der Homepage erwähnt, weil es tatsächlich einen sehr hohen Stellenwert hat. Einer der Gründe, warum wir zusammen leben, ist ja die Frage: „Was brauchen wir, damit Menschen friedlich zusammen leben können?“ Da spielen Bedürfnisse und Sehnsüchte eine große Rolle und in dem Zusammenhang auch Liebe und Sexualität. Das ist unsere Frage: „Wie beeinflusst das eigentlich das Zusammenleben von Menschen?“ Und gleichzeitig leben wir hier ganz normal zusammen und haben Tagungsbetrieb und Arbeit. Da gehen diese Fragen im Alltag immer wieder unter.
Sehr wichtig scheint auch die Gemeinschaft zu sein. Wie ist die Akzeptanz gegenüber Bisexualität? Wird sie tatsächlich als normal angesehen oder ist es wie überall, dass sie hinter vorgehaltener Hand anrüchig erscheint?
Ich bin ganz offen bisexuell. Das weiß jeder. Ich habe nie erlebt, dass das irgendjemand komisch oder befremdlich findet. Ich werde in meinen Liebesfragen ebenso von Menschen unterstützt, die in heterosexuellen Beziehungen leben. Ich sehe da keinen Unterschied und empfinde das als unglaublich entspannend.
Ist es innerhalb des ZEGGs erlaubt, Beziehungen mit den anderen Bewohnern einzugehen, oder gibt es bestimmte Regeln?
Es gibt hier niemanden, der etwas verbietet. Wir sind gleichberechtigte Erwachsene, und was wir für Beziehungsformen untereinander wählen, ist die Entscheidung von jedem einzelnen. So haben wir ganz verschiedene Beziehungsformen: monogame und offene Beziehungen, Menschen mit verschiedenen Partnern. Es gibt hier eine große Vielfalt. Regeln gibt es schon, aber nicht Regeln im Sinne von Gesetzen, sondern im Sinne von „fürsorglich miteinander umgehen“, umeinander wissen, kommunizieren und fragen; also behutsam und wachsam in diesen Dingen zu sein, weil das oft intime und schmerzhafte Bereiche der Menschen berührt.
Bist du zurzeit in einer Beziehung? Lebt der Partner im ZEGG?
Ja. Ich lebe seit fast 14 Jahren in einer offenen Beziehung mit einer Frau. Sie lebt nicht hier am Platz, aber im gleichen Ort. Offen bedeutet, dass wir eine sehr stabile Partnerschaft miteinander haben, aber auch erotische Freundschaften mit anderen.
Also bleiben die Gefühle beim Partner?
Nein, die Gefühle dürfen auch zu anderen. Aber für mich ist das Besondere an meiner Partnerschaft, dass sie diejenige ist, mit der ich eine Verbindlichkeit eingehe, in dem Sinne, dass ich ihr Rechenschaft über meine Entscheidungen ablege, Prozesse mit ihr durchgehe, die Zukunft plane, sie mir in meine Sachen rein reden darf. Aber es kommt durchaus vor, dass wir uns in andere verlieben. Bei dem Stand, den wir mittlerweile haben – und das hat lange gedauert -, ist die Partnerschaft so stark, dass sie das mit trägt.
Sehr interessant, weil sich das ja eigentlich widerspricht.
Ich habe das auch sehr lange gedacht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das in meinem Inneren gehen würde. Aber unsere Liebe wird dadurch sogar tiefer und stärker.
Wäre eine Bi-Beziehung mit zwei Partnern unterschiedlichen Geschlechts denkbar oder könnte die Gemeinschaft „so etwas“ nicht tragen?
Das ist letztendlich meine Wahl. Von der Gemeinschaft aus würde das genauso unterstützt wie jede andere Beziehungsform. Für mich selbst wäre es die Frage, ob ich eine zweite Partnerschaft, in dem Sinne, wie ich sie verstehe, aufbauen will – nach der Erfahrung, wie viel Zeit, Fürsorge und Pflege das braucht. Wie ich das für einen zweiten Menschen schaffen könnte, weiß ich nicht.
Was möchtest du sonst noch sagen?
Danke, dass ihr das alles wissen wolltet.
Das Bijou bedankt sich bei Sucha (Gesina Wolters), die für dieses Interview zur Verfügung stand.
Annika