Bijou 23

BiNe Meets ZEGG (BiJou 23)

ZEGG

Ich habe schon oft etwas von Freunden über das ZEGG gehört, auch wenn es keine spezielle Lebensgemeinschaft oder Kommune für Bisexuelle ist, doch ist es ein Ort für alternative Lebens- und Liebensformen, wo es auch viele spirituelle, ökologische und Partnerschaft und Sexualität betreffende Seminare gibt. Nun konnte ich, nachdem ich schon ein Interview dazu in den Händen hielt, mal selbst erleben, was dies nun für ein Ort ist, denn das Bisexuelle Netzwerk veranstaltete vom 21.–24. Mai 2009 ein Offenes Treffen im ZEGG in Belzig bei Berlin.

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Was gleich auffiel, waren die Elemente viel Natur, etwas verwildert, überall kleine und große Kunstwerke, lebensbejahende Sprüche. Das Essen war vegetarisch, Fleisch gab es nicht, stattdessen auch Angebote von veganer Kost, Salat, Nudel- und Gemüsegerichte – eine Umstellung für einen Magen und Darm, der sonst nicht so viel Gesundes und Ballaststoffreiches gewohnt war. Nicht viel anders war das Plenum von BiNe, denn wieder gab es einen Stuhlkreis, den superschönen Eröffnungstanz, das Verteilen von Aufgaben, das Vorstellen und Zusammenstellen der Workshops, doch dieses Mal zog sich alles etwas lang, obwohl Mara und Thomas eine ganz gute Idee hatten, um es etwas aufzupeppen. Am Abend trafen sich viele noch in der Dorfkneipe der ZEGG-Gemeinschaft, und man schlürfte noch an einem Wein oder dort selbst hergestellten Marillenschnaps. Der Workshop, den ich am Freitag-Vormittag besuchte, war sehr spannend: Forumstheater – Alex probte mit uns eine Eskalation einer Szene ein: Nach unserem Wunsch war es ein angeblich Schwuler in der S-Bahn, der von zwei Tätern erst verbal und dann sogar körperlich angegriffen wurde. Am Rande feuerten zwei andere die Täter noch an, einer versteckte sich hinter seiner Zeitung, und die Bekannte des Opfers schaute ängstlich auf den Boden. Am Samstagabend, als wir das ganze dann vorspielten, sollten die Zuschauer dann eingreifen und die Szene verändern, so dass es gar nicht erst zur Eskalation kommt … das Theater hat viel Spaß gemacht, und man sah sofort, dass dies gut zur Gewaltprävention eingesetzt werden kann und Mitläufer und Wegschauer zu alternativen Verhaltensweisen ermuntern kann.

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Kurz nach dem Mittagessen gesellte ich mich zur Vorstandssitzung, wo wir über das Neuauflegen der BiNe-Broschüre und anderes redeten. Am Nachmittag bekamen wir eine Führung durch das Gelände von zwei ZEGG-Bewohnern. Wir lernten, dass das ZEGG im Wesentlichen alles selbst repariert, anbaut, das Abwasser selbst reinigt, eine CO2-arme Heizung besitzt, einen eigenen Gartenanbau hat und vieles mehr. Früher war Partnerschaft, Liebe und Sexualität der Hauptschwerpunkt, heute sind sie eher gleichbedeutend mit dem Schwerpunkt Ökologie und auch individuellen Schwerpunkten wie Arbeit usw. Es hat sich ein wenig verschoben. Es gibt in dieser Lebensgemeinschaft zwei wichtige Organe: Das ist zum einen das Forum, in dem es darum geht, Gefühle transparent zu machen. Wenn z. B. zwei Menschen sich streiten oder sehr konträre Einstellungen haben und man in der Diskussion nicht weiter kommt, dient das Forum dazu, versteckte Probleme oder Gefühle aufzudecken, damit man nicht an einer falschen Baustelle arbeitet, sondern genau weiß, wo es hakt. Auf der anderen Seite gibt es das Plenum, und hier werden Entscheidungen getroffen und zwar von allen zusammen. Es gibt keinen Mehrheitsbeschluss, sondern es muss einen Kompromiss geben, dem alle zustimmen. Wenn etwas nicht die Befürwortung aller findet, muss man das ganze schließlich vertagen. Das ganze ist also wirklich sehr demokratisch. Wenn aber herauskommt, dass zwei sich scheinbar grundlos streiten, wird spontan ein Forum eingerichtet, damit -wie oben erklärt- die wahren Gefühle zu Tage kommen. Oft gibt es auch beim ZEGG Veränderungen, so leben manchmal Kinder oder Jugendliche zusammen im Kinderhaus, wo dann ein Erwachsener zur Betreuung mit wohnt, die Kinder aber ansonsten ihren Freiraum haben. Übrigens gehen die Kinder auf sehr unterschiedliche Schulen – manche auf normale staatliche Schulen, manche auf eine weit entfernte Waldorfschule. Auch haben die Eltern sehr unterschiedliche Berufe, es gibt einen leicht höheren Akademiker-Anteil als im Durchschnitt der Bevölkerung, aber es gibt genauso Handwerker und Künstler im ZEGG. Manche Bewohnerinnen und Bewohner wechseln auch mal ihre Wohnart auf dem Gelände, andere leben eine feste monogame Beziehung. Allerdings gibt es auch einen Ort, der LoBBi von den BiNe-Treffen vergleichbar, den Blauen Salon, wo mehrere Menschen sich treffen können und ihre Leidenschaft und Lust erleben können. Dies ist aber nur ein Element und sicher nicht der Schwerpunkt, wie Kritiker denken könnten.

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Im Anschluss an die Führung gab es noch eine Diskussionsrunde in der Dorfkneipe. Hier waren viele ZEGG-Bewohner anwesend und interessiert, wobei die meisten weiblich waren. Auf unsere Frage hin, ob es auch viele Bisexuelle beim ZEGG gibt, war erst einmal Stille. Als Peter erläuterte, dass wir unter Bisexualität nicht nur klaren Sex zu dritt oder eine immerwährende Poly-Beziehung mit Männern und Frauen verstehen, sondern einfach auch die Zuneigung und Emotionen zu beiden Geschlechtern, rief sofort eine Frau: „Dann bin ich eindeutig bisexuell“, und alles lachte. Eine andere Frau erläuterte, dass sie noch nicht wüsste, was später einmal kommen würde. Sie lebte ihre Zuneigung auch schon zu Frauen aus, hatte auch mehrere Männer, mit denen sie jetzt immer noch sehr gut befreundet ist und auch noch einmal flirtet, obwohl sie zu ihnen nun keine sexuelle Bindung hat … „aber vielleicht irgendwann später wieder, wer weiß es schon?“ ZEGG bedeutet einfach auch Offenheit für Veränderung! Auf die Frage hin, was denn vielleicht auch nicht so gut am ZEGG wäre, gab es die Antwort, dass manche Entscheidungen sehr lange dauern, weil sie halt von jedem im Plenum abgesegnet werden muss. Außerdem hätte der Baumeister gerne mehr gebaut, ein anderes Gebäude errichtet, stattdessen schaffen sie es meist nur, die alten Gebäude weiterhin in Schuss zu halten, in Zukunft berücksichtigen sie evtl. auch barrierefreiere Zugänge (Andreas schlug dieses vor). Schließlich wäre es manchmal einfach zu „busy“ hier, denn es gibt immer Gäste, weil das ZEGG eben auch ein Veranstaltungsort für Seminare aller Art ist: ob das nun Yoga oder Trancetanz, Reiki oder Tantra ist, Kommunikations- und Bewusstseinstraining, Kontaktimprovisation oder Malereiwerkstätten.

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Nach dieser informativen Runde war schon nicht mehr viel Zeit, bevor die Party begann: „Love & Peace“ war diesmal das Motto! Und viele hatten sich wieder tolle Ideen für ein Kostüm gemacht. Ganz schön war das Einstimmen auf die Party in der LoBBi, der „lustorientierten Begegnungsstätte Bisexueller“, wo man mit viel Achtung und Respekt für sich selbst und andere Liebe, Lust und Sexualität ausleben kann, auf keinen Fall muss. Dieses Mal wurde wieder ganz viel Wert darauf gelegt, dass es eben ein schöner Ort sein soll für alle, die wollen. Manche sollten vielleicht mutiger sein und auch sagen, was sie gerne möchten, währenddessen andere etwas behutsamer sein müssten und natürlich auch ein Nein akzeptieren müssen. Ich denke, dem Orga-Team ist diese gedankliche Einstimmung dieses Mal sehr gut gelungen, so dass sich jeder sicher und wohl fühlte. Nach dem zärtlichen Gemeinschaftsgefühl (natürlich ohne Sex) ging es für alle rüber zum Tanzbereich zum etwas wilderen Eröffnungsteil: Es wurde Flaschendrehen gespielt, Aufgaben mussten zum Mottothema gemeistert werden: Immer standen drei auf der Bühne und spielten eine Luftgitarre, sagten, wer ihre heimliche Liebe ist, welche Songs zur Flowerpower-Zeit in waren usw. Und dann wurde abgetanzt. Die DJs heizten uns richtig ein.

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Am nächsten Morgen waren natürlich nicht alle so frisch, aber die Sonne lachte uns zu, und so wurde es wieder ein wunderschöner Tag mit vielen netten Leuten. Für mich stand am Vormittag der Workshop „Intuition“ an, und nach den ersten sehr schönen Begegnungen und Austausch von Worten ging die Übung sehr an die Nieren – BiNe-Treffen bedeutet halt auch ganz stark Gefühle erleben! Am Nachmittag wurde nackt gesonnt, denn wegen guten Wetters fiel mein Workshop Mittelalter-Tänze aus. Es gab insgesamt übrigens noch folgende Workshops: BDSM – eine Einführung auch für Unerfahrene, Filmvorführung „Outing“, Lesung einer sehr persönlichen Geschichte, einen Gesprächskreis mit Übungen zum Thema „unterschiedliche Kommunikation von Mann und Frau“, einen Gesprächskreis zum Thema „Lebensplanung“, ein Erstellen eines eigenen Memorys, eine Führung über den Paradiesplatz von einem Bewohner in Belzig, eine morgendliche Kundalini-Meditation und sicher noch Workshops, die ich jetzt vergessen habe. Am Samstagabend gab es nach der interaktiven Theateraufführung mehrere Optionen: Sauna, „gelenktes“ Singen am Lagerfeuer, Teilnahme an der Party vom ZEGG oder individuelle Pläne. Alles hatte wohl seinen besonderen Reiz, wie ich gehört habe. Beim Abschiedsmorgen gab es wieder viele Emotionen, vor allem weil es eben so eine herzliche und offene Umgebung ist, in der auch neue Leute wie meine Freundin liebevoll aufgenommen werden. Das Schildkröten-Feedback, wo jeder jedem was Liebes auf den Rücken schreiben kann, und auch der Abschiedstanz, wo man jedem noch einmal in die Augen gucken kann, gehören zu den schönsten Momenten. Für mich war das Treffen auch was ganz Besonderes, weil eben meine Freundin mit mir dabei war. Aber auch das eine oder andere Gespräch mit den anderen Bisexuellen war wieder sehr schön. In der Runde ging die Einstellung dazu, ob wir mal wieder zum ZEGG zurückkehren, sehr weit auseinander. Die einen fanden, dass die Energie vom Treffen trotz aller Energie und Schönheit des Platzes verloren ging, weil sich alles zerstreut – die einen wohnen im Gästehaus, die anderen im Motel, die nächsten auf dem Zeltplatz, wiederum andere wuseln gerade in der „Universität“, einem Gebäude vom ZEGG, herum, die nächsten gehen spazieren – man wusste nie, wo die anderen unbedingt waren. Auch fanden es manche merkwürdig, dass nicht alle Bewohner einen grüßten, vielleicht lag es an dem zu häufigen Besuch von Gästen!? Die nächsten fanden es einen sehr schönen Besuch, aber es war mehr ein Urlaub mit BiNe-Leuten, als dass es ein BiNe-Treffen war, es war schön, aber einmal reicht es auch. Und die nächsten, wo sich wohl dann doch die meisten tummelten, waren doch einfach nur begeistert von diesem besonderen Ort und den Menschen und auch der Durchmischung auf den Partys und würden gerne alle 3–4 Jahre mal wieder zurückkehren an diesen Ort. Viel häufiger wird es laut Orga-Team eh nicht sein.

Frank

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Aktualisiert: 10/2009
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